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Schülerporträt: Nina Falck Drucken

NinaFalckSchülerporträt:
Nina Falck

die Schülerin der 8a
ist Leistungs-schwimmerin

Nina Falck, Schülerin der 8a des Gymnasiums St. Leonhard, ist 14 Jahre alt, 1,62 Meter groß und sehr zierlich gebaut. Wer sie sieht, kommt ganz sicher nicht auf die Idee, dass es im gesamten Bezirk Aachen kein einziges gleichaltriges Mädchen gibt, das so schnell schwimmt wie sie. Und in ganz Deutschland gibt es gerade mal 32! Nina weiß das so genau, seit sie am Himmelfahrtswochenende 2009 bei den Deutschen Schwimmmeisterschaften in Hamburg gegen die nationale Konkurrenz angetreten ist. Ich habe Glück, direkt in der Woche nach der Meisterschaft einen Interview-Termin mit Nina zu ergattern – schließlich bin ich ihre Deutschlehrerin.

Leo: Erzähl mal von deinen Erfahrungen bei den „Deutschen“ in Hamburg.
Nina: Das war schon ein total cooles Feeling: Die riesige ausverkaufte Halle, die Geräuschkulisse, meine Eltern unter den Zuschauern… Angst habe ich eigentlich immer nur vor einem Frühstart. Wenn ich erst im Wasser bin, ist alles okay. Aber diesmal kam noch der Schock mit dem Badeanzug dazu. Es gibt Listen, auf denen die Badeanzüge aus verbotenem Material stehen – das sind die, die zu viel Auftrieb geben – und Listen mit erlaubten Badeanzügen. Mein Badeanzug stand weder auf der einen noch auf der anderen Liste. Also sind wir davon ausgegangen, dass ich damit schwimmen darf. Genau 20 Minuten vor meinem Start kommt dann die Nachricht, dass alle Badeanzüge, die auf keiner Liste stehen, verboten sind. Ich war schon am Becken und hatte kein Handy dabei, also konnte ich nicht mal meine Eltern anrufen. Ich habe ganz schön gezittert. Mein Trainer ist dann losgesprintet und hat in einem Shop in der Schwimmhalle schnell einen Anzug für mich gekauft. 249 Euro hat der gekostet, und das war noch einer der billigsten. Die Anzüge, die bei Olympischen Spielen getragen werden, kosten ca. 600 Euro. Aber der Anzug war okay, ich bin mit 27,87 Sekunden über 50 Meter Kraul und mit 1.01,37 Minuten über 100 Meter sehr gute Zeiten geschwommen. /Anmerkung: Nina hat ihre Bestzeit inzwischen schon wieder unterboten./NinaFalck

Leo: Wie bereitest du dich auf solche Großereignisse vor?
Nina: Zwei Wochen vorher darf ich beim Schulsport nicht mehr mitmachen; die Verletzungsgefahr ist zu groß. Natürlich schwimme ich dann noch täglich außer mittwochs, aber nur kurze Teststrecken. Beim Training haben die Teilnehmer an den Meisterschaften eine Bahn für sich ganz allein. Außerdem muss ich sehr viel schlafen, zum Glück habe ich damit überhaupt kein Problem. In Hamburg mussten meine drei Vereinskameraden und ich um fünf Uhr morgens aufstehen, Einschwimmen war ab 6.30 Uhr, die Starts ab 9 Uhr. Danach waren wir erstmal reif für die nächste Runde Schlaf im Hotel. Am Nachmittag sind wir ein bisschen durch Hamburg gebummelt, aber zu viel Laufen war verboten, auch wegen der Ermüdungs- und Verletzungsgefahr. Was das Essen betrifft: Wir müssen sehr gut frühstücken, insgesamt viel Kohlehydrate essen; alle Schwimmer schleppen ständig Töpfe mit kalten Nudeln mit sich herum. Nach den Starts gibt’s manchmal Schokolade für den Blutzuckerspiegel.

Leo: Und wie sieht dein Alltag als Leistungssportlerin aus?
Nina: Der Ablauf ist eigentlich jeden Tag der gleiche: Schule, Mittagessen, Hausaufgaben, ab 18 Uhr Training, Abendessen, Schlafen… Am Wochenende sind die Wettkämpfe. Wenn ich am Montag eine Klassenarbeit schreibe, nehme ich mir meine Unterlagen mit in die Schwimmhalle und bereite mich da vor.

Leo: Da hast du ja kaum Freizeit – musst du nicht auf ganz viel verzichten, was eine „normale“ Kindheit oder Jungend ausmacht?
Nina: Schwimmen ist meine Freizeit. Darauf freue ich mich den ganzen Tag. So gut wie alle meine Freunde sehe ich ja beim Training, und wir haben ganz viel Spaß zusammen. Der Mittwoch, an dem kein Training ist, ist für mich der ödeste Tag in der Woche. Meine Klassenkameradinnen können das zum Teil nicht nachvollziehen. Nächste Woche zum Beispiel feiern sie eine Pyjama-Party, aber ich kann wegen der Bezirksmeisterschaften nicht dabei sein. Meine Mitschüler verstehen nicht, dass das für mich keinen Verzicht bedeutet. Ich habe so viel erlebt, habe einen Großteil Deutschlands kennen gelernt. Ich glaube, dass eher die anderen was verpassen. Sogar Wasserski habe ich mit dem Verein gelernt. Demnächst organisieren wir eine Abschiedsparty für unseren Trainer, der sich jetzt erstmal auf sein Studium konzentrieren will und nächstes Jahr ins Ausland geht. Ich habe ihm versprochen, dass ich die 100 Meter Kraul vorher noch unter einer Minute schwimme, als Abschiedsgeschenk. Wir haben alle zusammengelegt, um ihm Geschenke zu kaufen. Sogar Gedichte haben wir für ihn geschrieben. Er ist wie ein Freund für uns. Aber in meinem Verein, der Aachener Schwimmvereinigung 06, sind alle nett; es gibt wirklich nie Streit. Wir haben ein tolles Gemeinschaftsgefühl. Wenn jemand sich steigert, freut man sich für ihn, auch wenn er dann schneller schwimmt als man selbst. Ganz besonders witzig sind die Abschiedswettkämpfe am Ende der Saison. Da muss jeder seine „Hasslage“ schwimmen; für mich ist das „Delphin“. Da gehe ich glatt unter.An dem Wochenende zelten wir alle zusammen im Freibad. Die beiden Nächte werden natürlich durchgemacht.

Leo: Wie stehen denn deine Eltern zu deinem Sport?
Nina: Meine Mutter war selbst Leistungsschwimmerin. Sie hat sich immer gewünscht, dass ihre beiden Kinder auch Sport treiben und sich auf eine Sportart spezialisieren. Mein Bruder spielt also Fußball und ich schwimme eben. Meine Erfolge sind der ganze Stolz meiner Eltern. Sie unterstützen mich, wo sie können.

Leo: Es ist sicher ganz schön teuer, Schwimmen als Leistungssport zu treiben.
Nina: Ja, mein Vater sagt schon mal im Scherz, ich soll mir einen Nebenjob zum Geldverdienen suchen. Oder er bietet meinem Trainer an, mich zu adoptieren. Aber natürlich würde er mich nie hergeben. Auch in diesem Jahr waren wir mit dem Verein im Trainingslager in Lissabon. Die 900 Euro für Flugzeug und Hotel müssen wir selbst bezahlen. Wenn wir zu Wettkämpfen nach Berlin oder Hamburg fahren, gibt es Zuschüsse vom Verein. Die Startgelder werden von ihm finanziert, aber Hotel und Fahrt im Allgemeinen nicht. Manche Kinder schaffen es sogar, sich das Geld dafür selbst zusammenzusparen.

Leo: Würden deine Eltern dich bremsen, wenn du Probleme mit den Schulleistungen bekämst?
Nina: Nein, ganz bestimmt nicht. Denn sie wüssten genau, dass die Probleme ohne Sport noch viel schlimmer würden. Eher würden sie mir Geld für Nachhilfe spendieren.

Leo: Hast du das Gefühl, dass das Schwimmen deine Persönlichkeit beeinflusst hat?
Nina: Ja, klar. Ich habe eine sehr gute Konzentrationsfähigkeit. Wenn ich schwimme, gibt es nichts anderes für mich. Da kann ich wirklich alles vergessen. Disziplin brauche ich natürlich auch. Wenn beim Trainingslager jemand spät nachts in einem fremden Zimmer erwischt würde, hätte der am nächsten Tag das Flugticket zurück nach Hause in der Hand. Und ich habe eigentlich den ganzen Tag was zu lachen, weil es mir wirklich immer richtig gut geht.

Leo: Könnte jeder mit genügend Technik so schnell schwimmen wie du, oder braucht man eine spezielle Veranlagung, bestimmte körperliche Voraussetzungen?
Nina: Jemand wie Michael Phelps hat schon einen einmalig günstigen Körperbau. Aber Technik ist wichtiger als Veranlagung. Ich bin zum Beispiel ziemlich klein, mein Spitzname im Verein ist Mini-Nini. Aber dafür bin ich besonders schnell bei den Wenden. Übrigens verbessert das Schwimmen auch Haltungsschäden. Und der Sport ist sehr behindertenfreundlich. Eine behinderte Schwimmerin aus unserem Verein ist sogar bei den Paralympics mitgeschwommen. Sie ist bei uns voll integriert. Mir fällt schon gar nicht mehr auf, dass sie behindert ist.

Leo: Wie steht es mit Doping beim Leistungsschwimmen? Könnte man dich damit in Versuchung führen, wenn du die Möglichkeit sähest, plötzlich sehr viel schneller zu schwimmen?
Nina: Ich habe keinerlei Erfahrungen mit Doping. Ich glaube auch, dass Schwimmen sauberer ist als andere Sportarten. In meinem Alter dopt garantiert niemand, der müsste ja ziemlich krank im Kopf sein. Für mich persönlich wäre Doping auch keine Versuchung, weil ich es einfach für unsportlich halte.

Leo: Würdest du Gleichaltrigen empfehlen, Leistungssport zu treiben?
Nina: Es ist ganz wichtig, Sport zu machen. Ich kenne Mädchen, die sind viel dünner als ich und regen sich über jedes Gramm auf, das sie zunehmen. Sowas kann einem als Sportlerin nie passieren.

Leo: Liebe Nina, ganz herzlichen Dank für dieses Interview.
(Das Interview mit Nina Falck führte Vera Kühn.)

 

 

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